Bei Great Minds Recruitment sprechen wir oft darüber, wie viel Persönlichkeit ein Bewerbungsdossier zeigen soll – und wo genau die Grenze zwischen Authentizität und strategischer Zurückhaltung verläuft.
Vor ein paar Monaten erhielt Tania während einem Follow-Up Gespräch mit einer Kandidatin folgende Rückmeldung:
«Ne, Du, Tania, so ein Feedback verbitt ich mir. Wenn Du das so siehst, dann macht unsere Zusammenarbeit wohl eher keinen Sinn. Ich bitte Dich, meine Daten zu löschen.»
Eine ungewöhnlich heftige, schon fast unverhältnismässige Reaktion, wie Tania zunächst dachte. Und gleichzeitig eine, die sie und wir im Nachhinein nachvollziehen können. Mit ihrer Empfehlung war Tania der Kandidatin offensichtlich zu nahe getreten – auch wenn sie es gut gemeint hatte.
Wenn Formulierungen zum Diskussionsthema werden
Tania hatte mit der Kandidatin bereits ein ausführliches Gespräch geführt und sich für ein besseres Verständnis den Werdegang, die Beweggründe für Stellenwechsel und auch die persönliche Situation schildern lassen. Mehrmals war die Kandidatin über mehrere Monate zwischen zwei Stellen ohne Anstellung gewesen, bevor sie die nächste Herausforderung angenommen hatte. Diese „Pausen“ führte sie korrekterweise auch im CV auf. Nur die Formulierung sorgte später für Diskussionen. Sinngemäss beschrieb sie die Zeit mit Aussagen wie:
«Hausfrau & Mutter»
«Weiterentwicklung und Motivation der Kinder»
«Unterstützung bei den Hausaufgaben»
Schon im Interview hatte Tania kurz überlegt, ob diese Passagen nicht etwas zu viel Raum einnahmen. Sie fand sich mit dieser Überlegung aber selbst zu kleinlich und liess sie deshalb zunächst unkommentiert.
«Das wird beim CHRO nicht gut ankommen»
Ein paar Tage später besprach Tania den Lebenslauf mit einer Rekrutierungspartnerin. Und dann doch, die Rückmeldung:
«Naja, wir alle beschäftigen uns zwischen zwei Jobs irgendwie – aber das finde ich jetzt doch etwas übertrieben.»
Die HR-Managerin a.i. wollte den CV zwar nicht direkt aussortieren, bat aber darum, die Formulierungen vor Weiterleitung an den CHRO Schweiz anzupassen. Ihrer Einschätzung nach würde der Lebenslauf mit «solchen Formulierungen» dort direkt auf dem Absagestapel landen. Als Tania versuchte, diese Rückmeldung der Kandidatin möglichst vorsichtig zu überbringen, erntete sie die eingangs formulierte und hocherboste Reaktion. Denn Fakt ist:
- Hier prallen zwei Welten aufeinander.
Die Sicht der Kandidatin
Wir verstehen die Reaktion der Kandidatin. Als alleinerziehende Mutter trug sie über Jahre eine Doppelbelastung – beruflich wie privat. Drei Kinder grosszuziehen, Verantwortung zu tragen und den Alltag zu stemmen, prägt einen Menschen selbstverständlich genauso wie (wenn nicht sogar mehr als) jede berufliche Station. Man sagt nicht ohne Grund, dass wir die Summe unserer Erfahrungen sind. Und so ist es nicht weiter überraschend, dass die Kandidatin diese Lebensabschnitte als relevant und erwähnenswert erachtete.
Die Sicht der HR-Managerin
Wir verstehen auch die HR-Managerin. Sie überlegte aus Sicht des Empfängers: Pragmatisch & strategisch. Sie wollte mögliche Reibungsflächen minimieren und empfahl deshalb, den Fokus stärker auf die für die Rolle relevanten Informationen zu legen. Auch wir raten Kandidat:innen regelmässig dazu, den Leser nicht mit Informationen zu überladen, die für die konkrete Funktion nur wenig Mehrwert bringen.
Natürlich sass die Kandidatin zwischen zwei Stellen nicht „einfach zuhause herum“. Das Leben mit drei Kindern ist auch ohne Job ein Vollzeitpensum. Für die Beurteilung ihrer Eignung als HR-Generalistin in einem KMU mit 500 Mitarbeitenden war diese Information jedoch nur bedingt relevant.
Trotzreaktion oder Rückgrat?
In solchen Diskussionen fällt dann gerne der schnippische Satz:
«Tja, ist wohl besser, wir merken jetzt schon, dass es nicht passt.»
Und damit haben die Betroffenen natürlich vollkommen recht. Auch wenn wir stets empfehlen, den CV bewusst schlank zu halten und den Inhalt auf die fachlichen Elemente, die Stand heute relevant sind, zu beschränken. Das sagen wir nicht, um früheren Stationen oder Erfolgen ihren Wert abzuerkennen. Sondern weil der Fokus bewusst auf das gelenkt wird, was der Leser heute wirklich verstehen sollte.
Und trotzdem sind wir in gewisser Weise auch bei der Kandidatin.
Authentizität darf ihren Preis haben
Die für diese Bewerberin richtigen Menschen werden sich an ihrer Formulierung nicht stören. Vielleicht werden sie darin sogar genau die Persönlichkeit erkennen, die sie suchen. Die Dame hatte also eigentlich absolut recht damit, bei sich bleiben zu wollen.