In unserem Berufsalltag hören wir in Gesprächen mit Great Minds immer wieder, dass diese in ihrem Berufsalltag frustriert sind. Sie fühlen sich von ihrer Führungskraft nicht gesehen, nicht gehört, nicht richtig geführt. Es sind talentierte, engagierte Menschen, die das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten, weil der entscheidende Impuls von oben ausbleibt. Wir weisen aber in diesen Gesprächen immer wieder darauf hin, was wir im Verlaufe unserer Karrieren selbst lernen mussten:
«Führung ist keine Einbahnstrasse. Jeder muss seine Vorgesetzten ein Stück weit ebenfalls führen.»
Diese Aussage mag überraschen und sorgt auch regelmässig für Stirnrunzeln. Schliesslich ist es doch die Aufgabe der Führungskraft, zu führen, oder? Ja – aber nicht nur. Die Realität ist komplexer.
Die Sandwich-Position: Vorgesetzte jonglieren mehr als man denkt
Gerade im mittleren Management – dem Maschinenraum der meisten Unternehmen – befinden sich Führungskräfte in einem einzigen Spannungsfeld:
Von oben kommen strategische Vorgaben und der Druck, Zahlen zu liefern. Diese müssen gefiltert, übersetzt und ans Team weitergegeben werden. Aus dem Team kommen Sorgen, Wünsche, operative Probleme, die ebenfalls kanalisiert und nach oben gespiegelt werden müssen.
Eine Führungskraft hat das auch schon so formuliert:
«Ich fühle mich manchmal wie ein Durchlauferhitzer für Informationen, die von allen Seiten auf mich einprasseln.»
Und so sollen Vorgesetzte täglich operativ anpacken, aber bitte mit strategischer Weitsicht und empathischer Führung. In diesem Spannungsfeld geht der Blick für die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen schnell einmal verloren. Nicht aus Desinteresse, sondern schlichtweg aus Kapazitätsgründen.
Führungsperspektive: Hören geht über spüren
Diese Dynamik wurde auch für Tania besonders greifbar, als sie vor ein paar Jahren von der Mitarbeitenden- in die Vorgesetztenrolle wechselte. Plötzlich ging es nicht mehr nur um die eigene Arbeit – sondern um ein ganzes Team mit diversen Persönlichkeiten, heterogenen Bedürfnissen und unterschiedlichen Erwartungen.
Tania hatte hohe Ansprüche an die eigene Führung und hatte sich fest vorgenommen, ihren Mitarbeitenden nicht nur fachlich, sondern auch menschlich gerecht zu werden. Und dann die Ernüchterung:
👉 Es ist schlicht nicht möglich, alles im Blick zu haben. Auch ihr gingen wichtige Sachen im Chaos des Alltags unter. Und auch ihr wurde signalisiert:
«Du siehst mich nicht.»
Dabei musste sie aber auch immer wieder feststellen: Von ihr wurde erwartet, dass sie Dinge „spürt“, zwischen den Zeilen liest und damit unausgesprochene Bedürfnisse erkennt. Das wäre alleine schon in einem Luftleeren Raum schwierig. Aber im Trubel des Arbeitsalltags zwischen Meetings, unerwarteten Ausfällen und sonstigen Feuerlöschaktionen? Unmöglich.
Sie sagt es heute in ihren Interviews mit Great Minds deshalb umso deutlicher:
«Vorgesetzte können nur auf das eingehen, was sie wissen.»
Die Erwartungshaltung, dass das Gegenüber – und das gilt für Vorgesetzte, Kollegen oder Ehepartner gleichermassen – alles merken oder fühlen müsste, ist anmassend und unrealistisch. Wer es schafft, sich von dieser Erwartungshaltung zu lösen, gewinnt nicht nur im Job, sondern fürs Leben.
Handeln statt hoffen: So geht Self-Management
Was bedeutet das also konkret? Eigentlich ganz einfach: Aktiv werden und Verantwortung für sich selbst übernehmen. Oder metaphorisch gesprochen: Vom Beifahrersitz in den Fahrersitz wechseln und das Lenkrad ergreifen. Natürlich fällt das nicht allen gleich leicht. Aber es kann – und sollte – erlernt werden. Denn, man überlege sich einmal:
Wenn man selbst seine Bedürfnisse nicht formulieren kann - wer dann?!
Es gilt also, sich die eigenen Ziele bewusst zu machen und diese proaktiv zu kommunizieren, anstatt darauf zu warten, dass sie „dann schon noch“ erkannt werden.
Das bedingt natürlich, dass man für sich selbst Klarheit über die eigenen Ziele hat oder gewinnt. Das man sich selbst in seinen Prägungen gut kennt, ein Bewusstsein für seine Bedürfnisse hat und diese auch benennen kann.
Wir wissen selbst: Das ist gar nicht mal so einfach. Diese Klarheit für sich zu erlangen braucht Zeit, Raum und die richtige Begleitung. Vorgesetzte und Menschen aus dem persönlichen Umfeld sind dafür – aus verschiedenen Gründen – nicht die richtige Anlaufstelle. Man ist sich emotional zu nahe, es bestehen Interessenskonflikte und, wie wir oben ausführen, fehlt oftmals die Kapazität und damit der in solchen Themen dringend erforderliche Fokus.
Wir vernetzen deshalb Interessenten über Great Minds Coaching mit kompetenten – aber neutralen – Ansprechpartnern. So kann jeder erst einmal für sich selbst Klarheit gewinnen, bevor er darauf aufbauend seine Ziele und Bedürfnisse nach aussen trägt.
Zum Schluss: Führung ist keine Einbahnstrasse
Wer möchte, dass sich etwas verändert, muss sicht- und hörbar werden. Unsere Gegenüber können nur mit dem arbeiten, was mit ihnen geteilt wird. Das bedeutet konkret:
Regelmässig das Gespräch suchen, anstatt aufs jährliche Mitarbeitergespräch zu warten.
Klare Botschaften formulieren und Entwicklungswünsche, persönliche Bedürfnisse oder Herausforderungen offen ansprechen.
In Lösungen denken. Mit Vorschlägen aufwarten, anstatt nur Probleme zu benennen.
Die Vorstellung vom allwissenden Vorgesetzten, der alles sieht, alles versteht und alles steuert, hält der Realität selten stand. Führung ist Zusammenarbeit. Und Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn beide Seiten ihren Teil beitragen.
Wer erwartet, dass alles gesehen wird, ohne es zu benennen, gibt Verantwortung ab.
Wer klar kommuniziert, übernimmt diese.
Vorgesetzte sind keine Gedankenleser. Und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Die stärkste Position erreichen diejenigen, die es verstehen, sich selbst zu führen.