Great Minds

Ich habe gehört, diese Firma soll schrecklich sein

In unseren täglichen Gesprächen mit Stellensuchenden prüfen wir verschiedene Optionen, Stellen und auch mögliche Arbeitgeber, die für sie in Frage kommen könnten. Dabei erleben wir immer wieder eine Reaktion, die uns zu denken gibt:

«Von dieser Firma habe ich schon ganz viel Schlechtes gehört.»

Mal stützt man sich dabei auf Aussagen von ehemaligen Mitarbeitenden. Mal von Bekannten. Mal von Freunden von Freunden. Und manchmal von Bewertungsplattformen, auf denen sich die Kommentare lesen, als wäre das Unternehmen der direkte Vorhof zur Hölle. Die Konsequenz ist aber in jedem Fall dieselbe:

Eine Stelle wird verworfen und ein Arbeitgeber gar nicht erst in Betracht gezogen, bevor man sich überhaupt einen eigenen Eindruck verschafft hat. 

Dabei würde es sich eigentlich lohnen, kurz innezuhalten. Denn einfach darauf zu hören, was über ein Unternehmen gesagt wird, greift zu kurz. Man müsste sich vielmehr die Frage stellen: 

«Wer sagt es? Und warum?.»

Dieselbe Firma, zwei komplett unterschiedliche Wahrheiten

Bei uns landen in der Regel keine Mitarbeitenden, bei denen alles an seinem Platz ist. Zu uns kommt man, wenn man etwas verändern möchte. Also ist es ein Stück weit logisch, dass sich unsere Great Minds in den Gesprächen auch mal negativ zu ihrem Arbeitgeber, Vorgesetzten, Stellenbeschrieb oder den Kollegen äussern. So weit, so normal.

Auch nach Jahren in diesem Job wird es allerdings nie weniger faszinierend werden, wie zwei Personen über denselben Arbeitgeber sprechen – und man meinen könnte, sie erzählen von zwei verschiedenen Unternehmen. Die eine Person schwärmt von Entwicklungsmöglichkeiten, Vertrauen und einem grossartigen Team. Die andere berichtet von Mikromanagement, fehlender Wertschätzung und einer toxischen Kultur. In den extremsten Fällen sitzen oder sassen diese Menschen gar im selben Team und man fragt sich:

«Wie kann das sein?»

Die Antwort ist eben doch wieder banal: Weil Arbeit nicht objektiv erlebt wird. Jeder Mensch bringt seine eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale mit. Was für die eine Person Freiheit bedeutet, fühlt sich für die andere nach Chaos an. Was der eine als klare Führung erlebt, empfindet der andere als Kontrolle. Deshalb ist die Aussage „Diese Firma ist schlecht“ selten eine Tatsache, sondern vielmehr eine persönliche Erfahrung.

Kununu & Co.: Hilfreich, aber mit Vorsicht zu geniessen

An dieser Stelle sei auch aufs Thema Bewertungsplattformen verwiesen. Natürlich können diese interessante Hinweise liefern. Aber man sollte sich doch stets bewusst machen, wie diese Plattformen funktionieren. Denn die wenigsten Menschen stehen morgens auf und denken:

«Heute hinterlasse ich meinem Arbeitgeber fünf Sterne und ein nettes Dankeschön.»

Wir kennen es vom Reisen, aus Restaurantbesuchen, oder sonstigen privaten Konstellationen: Bewertungen werden oft in erst in Frustsituationen geschrieben. Wenn man seinem Ärger Luft verschaffen und mit dem Verursacher abrechnen möchte. Wenn man sich ungerecht behandelt und vielleicht auch etwas ohnmächtig fühlt. Mit der Öffentlichmachung seiner Erfahrung kann man  sich vermeintlich wehren und „andere vor demselben Fehler bewahren“. 

Das macht diese Rückmeldungen nicht automatisch falsch. Aber es macht sie einseitig. Und eines geht dabei gerne vergessen: Sie sind nun mal subjektiv. Ganz zu schweigen davon, dass sie einem – ausser Genugtuung – in der Regel keinen hohen Mehrwert erbringen. 

Wer sich trotzdem auf Bewertungsplattformen ein Bild machen möchte, dem sei geraten weniger auf einzelne Bewertungen schauen und stattdessen mehr auf Muster zu achten. Und selbst dann bleibt die Frage offen:

War das Problem wirklich das Unternehmen? Oder vielleicht doch eher eine einzelne Führungskraft? Ein bestimmtes Team? Ein ungünstiger Zeitpunkt? Oder gar ein Mensch der in einer Aufgabe, Umgebung oder Kultur, schlichtweg falsch war – was sich Tag für Tag beschwerlich anfühlte und Unzufriedenheit auf beiden Seiten nach sich zog?

Nicht alles für bare Münze nehmen

Wir werden nicht müde davon zu sagen, dass man sich besser nicht auf das Urteil anderer abstützt und sich stattdessen sein eigenes Bild machen soll. Das schuldet man nicht nur sich, sondern auch dem Gegenüber. Machen wir dazu einen Perspektivenwechsel und stellen wir uns vor, ein potenzieller Arbeitgeber möchte eine Referenz über uns einholen.

Die Chemie mit dem letzten Vorgesetzten hat leider nicht gestimmt. Die Zusammenarbeit endete unschön. Vielleicht wurde einem sogar gekündigt. Nun schildert diese Person die Situation ausschliesslich aus ihrer Sicht und der neue Arbeitgeber trifft darauf seine Meinung – zu unseren Ungunsten.

Würden wir das fair finden? Wohl kaum. Wir würden uns wünschen, dass man sich einen eigenen Eindruck verschafft, unsere Meinung ebenfalls anhört und die Situation differenziert betrachtet. Also gehen wir doch mit gutem Beispiel vor und bilden unsere eigene Meinung zu potenziellen Arbeitgebern, künftigen Kollegen und Vorgesetzten.

Der eigene Eindruck schlägt Hörensagen

Natürlich gibt es Unternehmen, die nicht zu uns passen, schlechte Führungskräfte und auch Organisationen, in denen man – auch hier: aufgrund der eigenen persönlichen Prägung – lieber nicht arbeiten möchte oder sollte. Aber die Entscheidung darüber sollte auf eigenen Erfahrungen beruhen. Nicht auf Geschichten Dritter. Denn sonst entgeht uns im schlimmsten Fall genau die Stelle, die hervorragend zu uns gepasst hätte – nur weil jemand anderes dort nicht glücklich geworden ist.

Die Eindrücke anderer muss man dabei auch nicht komplett ignorieren oder ausblenden. Es ist durchaus sinnvoll, sie als Anknüpfungspunkt für die eigene Due Diligence im Bewerbungsprozess zu verwenden. 

Kritik als Gesprächsgrundlage nutzen

Angenommen, auf Kununu wird regelmässig über mangelnde Kommunikation, hohe Arbeitsbelastung oder eine bestimmte Führungskraft geklagt. Warum nicht genau dort ansetzen?

Wer solche Themen im Bewerbungsprozess offen anspricht, erhält oft wertvolle Einblicke. Nicht nur in die Situation selbst, sondern auch in die Menschen, die ihr gegenüber sitzen. Wie reagiert das Unternehmen? Wird die Kritik reflexartig abgestritten? Wird die Verantwortung auf andere geschoben? Werden kritische Fragen als Angriff wahrgenommen?

Oder entsteht ein offener Austausch darüber, was hinter den Rückmeldungen steckt, welche Herausforderungen tatsächlich bestehen und wie man diese angeht?

Noch spannender wird es, wenn man den Gedanken weiterspinnt. Vielleicht sind gewisse Kritikpunkte sogar real. Die Frage ist dann nicht mehr, ob Probleme existieren – denn die gibt es überall –, sondern wie damit umgegangen wird.

Persönlich würden wir jederzeit lieber mit unvollkommenen, dafür reflektierten, kritikfähigen und lösungsorientierten Menschen zusammenarbeiten als mit solchen, die Perfektion vorspielen. Denn dort, wo offen über Herausforderungen gesprochen werden kann, entsteht meist auch die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu bewegen.

Fazit

Hörensagen ist bequem. Eigene Erfahrungen zu machen, braucht im Gegensatz dazu manchmal etwas Mut. Und wer seine Karriere bewusst gestalten möchte, sollte sich nicht ausschliesslich auf die Wahrnehmung anderer verlassen. Menschen erleben dieselbe Realität unterschiedlich. Was für die eine Person ein Albtraum ist, kann für die andere genau das richtige Umfeld sein.

In der heutigen Zeit, in welcher dank Social Media gefühlt jeder ein Megafon in den Händen hält, wäre es ein Leichtes, sich von negativen Parolen und dem Hörengesagten anderer leiten zu lassen. Deshalb gilt es, sich regelmässig in Erinnerung zu rufen, dass keiner von uns wollen würde, dass uns jemand mit Vorbehalten begegnet, nur weil eine dritte Person einmal behauptet hat: 

«Die ist doof.»

Wir wünschen uns, dass man uns kennenlernt, sich einen eigenen Eindruck verschafft und differenziert hinschaut. Also praktizieren wir das auch mit anderen. Wir verschliessen dabei weder Augen, noch Ohren. Aber bewahren eine offene Haltung. 

Nicht jede schlechte Geschichte über einen Arbeitgeber ist eine Warnung. Manchmal ist sie einfach die Geschichte eines Menschen, der dort nicht am richtigen Ort war. 

Wäre doch schade, deshalb eine Chance auszulassen, die vielleicht genau zu den eigenen Bedürfnissen gepasst hätte.

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