Kürzlich schrieben wir über Menschen, die regelmässig den Arbeitgeber wechseln und möglichen Auslösern dafür. Nämlich, dass sich viele Menschen bisher zu wenig mit ihren Bedürfnissen auseinandergesetzt haben und deshalb noch nicht recht wissen, wo sie hingehören.
Heute möchten wir auf ein damit verbundenes Thema eingehen. Eines, dass in unseren Interviews mit Great Minds, aber auch sonst oft in Alltagsgesprächen regelmässig zum Diskussionspunkt wird. Denn wir treffen immer wieder auf Menschen, die ihre Stelle nicht deshalb wechseln, weil sie unbedingt müssen. Sondern weil sie irrtümlicherweise glauben, dass es irgendwo noch besser sein könnte.
Der Zeitgeist der ewigen Optimierung
Beim einen mag es die Hoffnung auf ein spannenderes Umfeld sein. Beim anderen der Wunsch nach einer besseren Führungskraft, mehr Entwicklungsmöglichkeiten, mehr Flexibilität, mehr Sinn, oder mehr Wertschätzung.
Gerade in einer Zeit, in der uns scheinbar unendlich viele Möglichkeiten offenstehen und die Vergleichbarkeit steigt, ist diese Hoffnung nachvollziehbar. Die nächste Stelle ist nur wenige Klicks entfernt. Auf LinkedIn kann man jeden Monat aufs Neue mitlesen, wer alles befördert worden ist und im Beruf offensichtlich schneller vorwärtskommt als man selbst. Und in der Weiterbildung sitzen links und rechts Leute, die deutlich besser verdienen und spannendere Projekte betreuen, obschon sie einiges weniger an Erfahrung mitbringen – von den wahrgenommenen Kompetenzen ganz zu schweigen.
In solchen Situationen kann schnell das Gefühl entstehen, dass das Gras auf der anderen Seite vielleicht doch grüner ist. Und dass man auf der Strecke bleiben könnte, wenn man nicht sofort handelt. Wir sehen es deshalb als unsere Pflicht, hier zu mehr Geduld und differenzierter Betrachtung aufzurufen. Weil es selten anderswo einfach nur besser ist. Und so findet man sich rasch in einer sinn- und insbesondere endlosen Suche wieder. Denn, Tatsache ist: Der perfekte Arbeitgeber existiert nicht.
Die Illusion vom perfekten Gesamtpaket
Die Ansprüche von Stellensuchenden sind hoch. Der Job soll spannend sein, die Führungskraft inspirierend, das Team harmonisch, der Lohn attraktiv und der Arbeitsweg möglichst kurz. Flexible Arbeitszeiten wären ebenfalls schön, Entwicklungsmöglichkeiten natürlich auch, und wenn die Tätigkeit zusätzlich noch sinnstiftend ist, umso besser.
Allesamt nachvollziehbare Wünsche. Das Problem ist nur, dass die Realität selten so funktioniert. Jede Entscheidung bringt Vorteile mit sich, aber nicht nur. Die Kehrseite der Medaille, die man eben noch gefeiert hat, geht mit ihren Nachteilen leider hin und wieder vergessen. Und Nachteile gibt es immer, auch wenn sie nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind und einen im Übrigen auch keiner vorab freiwillig darauf aufmerksam machen wird.
Pick your poison
Wie in allen Entscheiden im Leben, gilt es letzten Endes abzuwägen, was für einen wichtig ist und in welcher Reihenfolge.
Braucht man eher Aufstiegsmöglichkeiten und klare Karrierewege, die in einem Konzern realistischer und gängiger sind? Ist man gewillt, dafür in Kauf zu nehmen, dass man in der Masse von Mitarbeitenden eine austauschbarere Nummer ist? Und gleichen die klare Struktur und geregelten Abläufe in genügendem Masse aus, dass man einen schmaleren und relativ vorgespurteren Zuständigkeitsbereich als im KMU abdeckt?
Oder wünscht man sich eine kleinere und agilere Organisationsform, wo man breiter Verantwortung übernehmen kann und in mehr Themen reinsieht? Gleichzeitig wird das in kleineren Strukturen nicht immer mit grösseren Titeln und Beförderungen zeigen. Und der Preis für die höhere Sichtbarkeit und die familiäre Atmosphäre rächt sich spätestens bei Ausfällen und der damit ausgelösten Verknappung personeller Ressourcen deutlich spürbarer als im Konzern.
Nicht nur die Unternehmensgrösse, sondern auch Anstellungsbedingungen und Kultur müssen abgewogen werden. Dem einen wird ein hoher Homeoffice-Anteil und die damit einhergehende Flexibilität wichtig sein. Dem anderen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und erlebte Kultur.
Und auch die Frage zum Lohn ist nicht frei von Kompromissen. Wer viel verdient, trägt i.d.R. mehr Verantwortung, steht stärker unter Druck und von ihm wird nicht selten mehr Flexibilität im Leisten von Mehrstunden erwartet. Nimmt man finanzielle Abstriche in Kauf ist dies i.d.R. mit weniger Verantwortung und mehr Freiraum verbunden. So hat jeder Vorteil seinen Preis und wir alle müssen für uns entscheiden, wie hoch dieser sein darf.
Auch die "besten" Arbeitgeber ernten Kritik
Interessanterweise gibt es auch bei der vermeintlichen Crème de la Crème von Arbeitgebern keine mit einer 100% zufriedenen Belegschaft und Turnover, der gegen Null strebt. Obschon solche Arbeitgeber Millionen von Franken in hohe Löhne, Führungs- und Entwicklungsprogramme, Kulturinitiativen und attraktive Benefits investieren, fällt auch hier Kritik. Weil auch solche Wohlfühlfaktoren nicht darüber hinwegzutrösten vermögen, wenn es menschlich harzt. Oder jemand in seiner Rolle fehl am Platz ist oder unter hohem Druck steht.
Zudem sind zwei psychologische Effekte nicht zu unterschätzen, die sich – allen Arbeitgeberbemühungen zum trotz – u.a. zu deren Nachteil auswirken können:
Einer davon ist die sog. hedonistische Adaptation, die den generellen Anpassungsprozess beschreibt, bei dem positive oder negative Lebensumstände (wie ein Lottogewinn oder eben der Wechsel zu einem Arbeitgeber mit hohen Löhnen und Benefits ohne Ende) nach anfänglicher Euphorie zur neuen Normalität werden.
Der andere ist der sogenannte Negativity Bias, welcher die menschliche Angewohnheit beschreibt, negative Reize, Erfahrungen und Informationen vom Gehirn schneller und intensiver zu verarbeiten und damit unser Verhalten stärker zu beeinflussen als gleichwertige positive Reize.
In Kombination kann das zu Folge haben, dass was gestern noch als besonderes Privileg wahrgenommen wurde, heute als selbstverständlich betrachtet wird und irgendwann aus unserem Fokus verschwindet. Stattdessen richten wir unsere Aufmerksamkeit vermehrt auf die Dinge, die fehlen oder nicht optimal laufen.
Und das ist natürlich undankbar, aber eben auch menschlich. Und mit ein Grund, weshalb man die Suche nach dem perfekten Arbeitgeber besser sein lässt.
Lieber weinend im Lambo als lachend aufm Fahrrad?
Bei der Abwägung zwischen Hard Facts wie Lohn & Anstellungsbedingungen und Soft Facts wie zwischenmenschlichen Faktoren halten Zyniker gerne mal mit dem Argument dagegen, dass es sich von Luft und Liebe eben doch nicht leben lässt. Natürlich ist da ein bisschen Wahrheit mit dabei. Aber unser Berufsalltag führt uns immer wieder vor Augen, wie sogar diejenigen, die zunächst den Fokus auf das Gehalt gelegt hatten, irgendwann dastehen und geläutert und mit Nachdruck erklären, dass sie «derartige zwischenmenschlichen Zustände für kein Geld in der Welt wieder aushalten würden» und man sich da, wo es menschlich wirklich passe, im Gehalt gewiss finden werde.
Wir raten deshalb von Beginn weg, sich lieber mit anderen Fragen zu beschäftigen, als mit der Suche, welches der „attraktivste“ Arbeitgeber ist. Weil es ja auch höchst subjektiv ist, was eigentlich als attraktiv empfunden wird. Wichtiger ist aus unserer Sicht, sich frühzeitig mit der alles entscheidenden Frage zu beschäftigen:
«Mit welchen Unvollkommenheiten kann und will ich leben?»
Oder eben: Was empfinde ich als attraktiv? Auf die Gefahr hin, dieselben Parolen zu wiederholen: Es geht darum, die eigenen Prioritäten zu kennen. Zu verstehen, was einem wirklich wichtig ist. Zu erkennen, welche Rahmenbedingungen unverzichtbar sind und bei welchen Punkten man bereit ist, Kompromisse einzugehen. Wer diese Fragen für sich beantworten kann, kann aufhören nach Perfektion zu suchen und sich stattdessen vertiefter mit dem Thema Passung beschäftigen. Das braucht eine fundierte Auseinandersetzung mit sich selbst, bei Bedarf auch mit strukturierter Begleitung, z.B. in Form eines Coachings.
Idealerweise hat man danach seine Muss-Kriterien, mit denen jede Jobchance im Bewerbungsprozess wieder abgeglichen werden kann. Und von denen man nicht abweicht oder Kompromisse eingeht. Daneben gibt es allenfalls eine handvoll Nice-to-Haves, bei denen man sich verhandlungsbereiter zeigen kann. So schafft man für sich selbst einen Handlungsrahmen, der in der Entscheidfindung Orientierungshilfe bieten kann. Und davon abhält, überstürzte Entscheide zu fällen, die nicht von Dauer sein werden.
Zum Schluss: Wahres Glück durch Genügsamkeit
Je früher wir uns davon lösen, dass etwas perfekt sein muss, desto früher können wir Zufriedenheit finden. Es gibt weder die perfekte Beziehung, das perfekte Leben, den perfekten Mitarbeitenden, noch den perfekten Arbeitgeber.
Die Kunst besteht nicht darin, einen Ort ohne Ecken und Kanten zu finden. Die Kunst besteht darin, einen Ort zu finden, dessen Ecken und Kanten zu den eigenen passen. Wer also weiss, was ihm wirklich wichtig ist und mit welchen Imperfektionen er gut leben kann, hat deutlich bessere Chancen, langfristig zufrieden zu sein.